NECTAR & PULSE – Local Soulmates Vienna (Oktober 2016)

Ich freue mich, als "Local Soulmate", mit meinen Tipps für die perfekten 24 Stunden in Wien Teil der
Nectar & Pulse Community zu sein.

Einfach auf auf www.nectarandpulse.com registieren und unter "Local Soulmates" meinen Wien City Guide anschauen und herunterladen.



Urschrei: Liebe im Netz

Vor zehn oder elf Jahren, als Facebook noch in den Kinderschuhen steckte und ich meine ersten Gehversuche im Internet unternahm, wurde mir schnell klar, dass diese sozialen Netzwerke, die wie Pilze aus dem Boden schossen, für weit mehr genutzt werden konnten als zum Vernetzen mit Freunden und Bekannten. Ihr Gebrauch war jedoch von einer Ambivalenz begleitet. Die Gefühle schwankten zwischen Euphorie und Misstrauen.

Das soziale Netzwerk der Stunde hieß damals, zumindest in München, wo ich zu jener Zeit lebte, Lokalisten. Dem Eindruck nach tummelte sich dort das gesamte junge München und im Gegensatz zur analogen Welt war die Hemmung jemanden anzusprechen viel geringer. Ständig flatterten Nachrichten ins Postfach. Gemeinsame Leidenschaften, Freunde oder Ziele, auf einmal konnte jeder finden, was er suchte und musste dafür nicht das Haus verlassen und auf das Schicksal hoffen, das einem die richtigen Menschen zuführt. Dem ein oder anderen lief man, im kleinen München, tatsächlich dann auch ohne Absicht über den Weg und ging, ob der Begeisterung über so viel Zufälligkeit, gemeinsam einen Kaffee trinken.

Natürlich blieb keinem Nutzer verborgen, dass solche Netzwerke auch hervorragende Anbahnungshelfer sind. Interessensbekundungen konnte noch nie so einfach gezeigt werden. Bei Lokalisten reichte es, sich ein Profil anzusehen und schon hatte man eine “Botschaft” hinterlassen, einfach weil dem Profilbesitzer angezeigt wurde, wer sein Profil angesehen hatte. Schaute  nun selbiger das Gegenprofil an, war dies quasi die Einladung zu einem schriftlichen Flirt. Entspannte sich durch die Konversation ein Sympathiefaden, stand irgendwann ein reales Treffen an.

Und diese hatten nahezu etwas Anrüchiges. Jeder der Herren, den ich traf, beteuerte noch niemals oder erst einmal überhaupt eine Frau aus dem Internet getroffen zu haben. Der größte Teil der Gespräche war damit belegt, dass die Kluft zwischen digitaler und analoger Welt als sehr groß empfunden wurde. Das Gegenüber war fremd, viel fremder als es sonst ein gewöhnlicher Unbekannter sein konnte. Die Trennung zwischen der "echten" und der "unechten" Welt war scharf. Und der Unbekannte aus dem Internet irgendwie nicht Teil der vertrauten und einschätzbaren analogen Welt.

Wurde diese Kluft tatsächlich einmal überwunden und zwei Menschen fanden zusammen, wurden ein Paar, strickte dieses an einem Kennenlernmythos, der fernab des Internets seinen Ursprung hatte. Wie hörte es sich denn auch an, wenn die Antwort auf die Kennenlernfrage schlicht "Internet" hieß? Romantisch auf jeden Fall nicht. Und war das Internet nicht auch eigentlich nur etwas für Nerds, die im wahren Leben keine Chance hatten einen Partner zu finden?

Heute, wenn ich abends in großer Runde mit Freunden zusammensitze, erzählt jeder ganz selbstverständlich von seinen Internet-Flirts. Und auch die eigene Oma ist über derlei Kennenlernwege nicht mehr erstaunt. Nicht zuletzt deshalb, weil es schon längst kein Phänomen ausschließlich der ganz jungen Generation ist, sondern alle Altersgruppen fröhlich in der Welt des Online-Datings mitmischen. 30% aller Beziehungen sollen mittlerweile über das Internet zustande kommen.

In Berlin habe ich mitunter das Gefühl, dass das Flirten im öffentlichen Raum nahezu völlig eingestellt wurde und sich alles ins Netz verlagert hat. Sogar, wenn man als Frau alleine am Abend in einer Bar sitzt wird dies nicht als Aufforderung wahrgenommen. Wobei sich Berlin wahrscheinlich einfach nur zu cool für diese heteronormativen Klischees fühlt und auf eine Art und Weise flirtet, die so subtil ist, dass sie einfach unter meinen Wahrnehmungsradar fällt. Eine Frage, an deren Aufklärung ich noch arbeite.

Mit der Einführung der Dating-App Tinder im Jahr 2012 schließlich, wurde eine neue Stufe in der Evolution des (Online-) Datings erreicht. Die App, die ausschließlich zusammen mit einem Facebook-Account genutzt werden kann, hat einen weltweiten Siegeszug angetreten. Das Versprechen: Kennenlernen noch leichter gemacht! Das Prinzip: Auswählen nach dem optischen Reiz. Entscheidender Grund dafür, dass Tinder zu einem globalen Phänomen wurde.

Denn mit der Tatsache, dass ein Bild über die Kontaktaufnahme entscheidet und nicht das geschriebene Wort, wurden sämtliche Sprachbarrieren ausgehebelt, die Macher trafen damit einen zentralen Nerv. Jeder dritte Erwachsene ist Single, der Markt groß. Ein flexibler Lebensstil erfordert auch in der Liebe, alle Optionen offen zu halten. Wir haben uns das Prinzip der Marktwirtschaft längst auch im Privatleben zu eigen gemacht. Tinder ist da nur die letzte Konsequenz.

Doch jeder, der sich dem Online-Dating einmal hingegeben hat, stellt irgendwann fest, dass es wenig Befriedigung bringt. Zunächst das überwältigende Gefühl, den Wunschpartner einfach aus einem riesigen Katalog auswählen zu können, viele erfolglose Dates später dann die Ernüchterung und innere Leere.

Dating-Apps sind Egobooster, die uns das Gefühl geben, einen Augenblick vor der eigenen Bedeutungslosigkeit errettet zu sein und jedes Ende einer Beziehung nur als eine Option für einen besseren Partner erscheinen lassen.
In letzter Zeit jedoch tauchen immer öfter Texte von ehemaligen Tinder-Usern auf, die sich zu Ihrem Ausstieg bekennen. Dating sei nur noch eine schlechte Angewohnheit, gut, um ein paar Minuten Wartezeit zu überbrücken, so der Tenor. Der Einzelne gehe dabei vollkommen in der gesichtslosen Masse unter und verliert seine Verletzlichkeit.

Die Bilanz ist ernüchternd: die Probleme beim Finden und Führen von Beziehungen sind die selben geblieben. Bewähren muss sich am Ende ein Internetflirt immer noch in der Realität. Das, was wir wirklich lernen müssen, ist der Umgang mit den neuen Möglichkeiten. Denn wir sollten sie beherrschen, nicht sie uns.

(Dieser Text ist im Option Magazin erschienen)

Urschrei: "Die Liebe ist ein seltsames Spiel…"

Und keiner weiß so genau, wie man es eigentlich spielt, noch ob es überhaupt Spielregeln gibt. Beim Sex fangen wir genauso bei Null an wie bei Beziehungen. Nur durch Ausprobieren sammeln wir ein paar Erkenntnisse, die uns manchmal weiterbringen, manchmal aber auch nicht. Und es ist doch nur gerecht, dass das Unwissen auf alle gleich verteilt ist, oder etwa doch nicht?

Seit den Siebzigerjahren gibt es Untersuchungen darüber, wie sehr sich die Scheidung der Eltern später auf die Beständigkeit der Ehe von den Kindern auswirkt und die Erkenntnis ist: es gibt eine Weitergabe des Scheidungsrisikos an die nächste Generation. Warum genau allerdings das so ist und welche Faktoren da alle noch mit reinspielen ist, wie so oft, nicht so klar. Dazu ist der Mensch eben zu komplex. Bindungserfahrungen sind zwar prägend, aber im Einzelfall kommt es immer noch auf das Verhältnis zwischen belastenden Faktoren und Bewältigungsangeboten an, sprich: eine Scheidung kann ein Risikofaktor darstellen, andauernde familiäre Streitigkeiten sind aber längerfristig viel schlimmer für den Nachwuchs und ihre Entwicklung, sowie ihren späteren Umgang mit Paarkonflikten.

Interessant ist auch, so ergaben Studien, dass Jugendliche mit geschiedenen Eltern häufiger Liebesbeziehungen führten als ihre Altersgenossen aus Elternhäusern mit intakten Ehen. Es wird vermutet, dass die Disharmonie des Elternhauses bei Scheidungskindern das Bedürfnis nach Halt in einer romantischen Beziehung fördert.

Soweit die Wissenschaft. Vergessen darf man dabei aber nicht, dass diese ganzen Studien auf Zahlen basieren, die schon länger zurückliegen. Die Welt hat sich mit den sozialen Netzwerken jedoch ziemlich verändert. Mittlerweile stellt sich viel eher die Frage: sind wir nicht alle ein bisschen Scheidungskind?

Allgemein gilt, dass je älter man wird, desto komplexer ist es mit der Liebe. Das Mehr an Wissen, könnte man meinen, sei ein Vorteil, aber in der Liebe bleiben wir bis zum Ende Idioten.

Mit sieben fanden wir noch den Jungen toll, der die gleiche Begeisterung für besonders kleine Schnecken teilte, mit sechzehn gefiel uns der Nachbarjunge einfach nur deshalb, weil er ein Mofa hatte und mit zwanzig war der nerdige DJ besonders cool, einfach nur, weil er über ein Wissen verfügte, das man selbst nicht besaß und einen auch am Ende nicht wirklich interessierte.
Doch dann kommt dieser dramatische Moment, in dem Frauen sagen: am Wichtigsten ist doch, dass er Humor hat! Und meinen damit die selbe hohe Bildung wie sie selbst, einen herausragenden Status oder die Aussicht darauf und ökonomische Ressourcen. Es soll doch bitte ein Mann sein, der sich auch als schmückende Brosche auf der Bluse eignet. Ob an dieser nun mehr oder weniger Knöpfe geöffnet sind und wie die Welt gerade dazu steht, ist herzlich egal.

Bei Männern steigt der Anspruch an eine potentielle Partnerin häufig dann dramatisch an, wenn eine langjährige Beziehung scheiterte.
Wie auch immer. Der steigende Anspruch im Alter wäre an sich kein Problem. Zumindest hat er noch nie die Menschen davon abgehalten, sich weiterhin zu paaren. Nun aber gab man ihm ein Werkzeug an die Hand, das scheinbar das möglich macht, was unmöglich scheint: seinen Traumpartner in einem World Wide Web-Katalog auszusuchen.

Nur allein das Wissen um diese Möglichkeit macht den ein oder anderen wahnsinnig. In einem Interview mit der ZEIT spricht Arne Kahlke, einst Chef von Elitepartner und Parship, das aus, was uns auch langsam dämmert: "Die Menschen werden nicht glücklicher, wenn sie sich alles selbst aussuchen können." Und Kahlke sagt weiter: "Wer seine Beziehung nur nach dem Baukastenprinzip konstruiert, bekommt nur das, was er will – aber nicht unbedingt das, was er braucht."
Die gefühlt unendlichen Möglichkeiten, die da auf einen warten, lassen so manchen auch leichtherziger eine Beziehung beenden. Nicht umsonst war die Scheidungsrate in Großstädten schon immer höher.

Vermutlich ist für das Scheidungsrisiko entscheidender, wie man als Kind auf den Marshmallow-Test reagiert hätte. Und da kommen wir auch schon wieder zur kniffligen Frage, warum das eine Kind warten kann, während das andere sofort den Marshmallow isst. Veranlagung? Sozialisierung? Erfahrung?
Ob in diesen Tests explizit untersucht wurde, ob es deutliche Tendenzen bei Scheidungs- und Nichtscheidungskindern gab, weiß ich leider nicht. Das World Wide Web ist auf jeden Fall ein riesengroßer Marshmallow und wenn Sie der Versuchung widerstehen können, werden Sie vielleicht belohnt. Ganz egal, was Ihre Eltern so getrieben haben.

(Dieser Text ist im Option Magazin erschienen)

Urschrei: "In Ewigkeit Angst und Champagner…"

Als Halbwüchsige verkündete ich meinen Eltern gerne, dass ich einmal in einer Bank arbeiten wollen würde. Andere Eltern hätten vielleicht mit großer Freude reagiert, meine fanden es eher absurd. Nicht nur, weil mein Großvater selbst einmal ein Bankhaus besaß und all das verkörperte, wogegen die Wirtschaftswunder-Kinder später als junge Erwachsene rebellierten. Dass nun die eigenen Kinder Sympathien für die konservativen Großeltern und ihre Lebensansichten hegen könnten, war nicht das, wofür die Babyboomer gekämpft hatten. Man könnte natürlich auch sagen, dass wir, die Mitglieder der Generation Y, überhaupt nur mit unseren Großeltern so etwas wie rebellieren konnten. Aber nur ein klein wenig. Weil eigentlich fanden wir unsere Eltern auch in unserer Pubertät ziemlich cool und ein wirklicher Ausbruch war nicht notwendig.

Heute fällt das Kopfschütteln über die jungen Leute, die früh heiraten oder überhaupt heiraten nur noch sehr müde aus. Der Zeitgeist, in den man geboren wird und der jeden erfasst, ohne dass man wüsste, wie das eigentlich genau geht, hat uns den Blick zurück quasi in die Wiege gelegt. Will meinen: wir haben von unseren Eltern die Barbara Rütting-Rezepte im Gepäck und das Einkaufen in Bio-Supermärkten endlich zu einem vorzeigbaren Lifestyle gemacht, den man unbedingt auf Instagram teilen muss. Aber das selbstgebackene Brot und die eingekochte Marmelade der besten Freundin wird dann auf dem edlen Meissner Porzellan-Service der Großeltern serviert. Die Servietten müssen zum Geschirr passen, das Silberbesteck poliert man jeden zweiten Samstag und fehlende Teile hofft man auf Etsy wiederzufinden.

Ob man da nun von einem neuen Biedermeier sprechen mag? Nach dem Besuch einer Ausstellung über die 1920er Jahre in der deutschen Hauptstadt kann man auf jeden Fall zur Ansicht gelangen, dass man heute - die neuen 20er Jahre stehen ja nicht nur zahlenmäßig wieder vor der Tür - von einem "Tanz auf dem Vulkan" sprechen kann. Zumindest den Vulkan jedenfalls gibt es, aber das Bedürfnis nach ekstatisch durchtanzten Nächten ist, entgegen aller Berlin-Klischees, nicht ganz so dringlich wie es einmal gewesen zu sein scheint. So entnehmen wir zumindest den Hinterlassenschaften der Zeitzeugen. Es ist weniger der unstillbare Lebenshunger, der einem an jeder Straßenecke auflauert, als vielmehr die Angst vor dem Kontrollverlust über das eigene Leben und die empfundene Nichtigkeit eines jeden Strebens. Und so verspürt manch einer  heutzutage Vitalität nur mehr im Tod. Schafft Bedeutung, indem er dabei andere mitnimmt.

Aber wo waren wir noch einmal stehen geblieben? Genau, beim Meissner Porzellan. Wer also konnte schon ahnen, zumindest mein kindliches Gehirn konnte es noch nicht, dass das gepflegte Chaos eines Künstlerhaushalts die beste Vorbereitung auf das Leben war? Mit all seiner Unübersichtlichkeit und Unbeständigkeit. Sicherheit ist eine Illusion. So wie die Piemont-Kirsche eine raffinierte Marketing-Erfindung von Ferrero ist. Wenn man daran glaubt, ist es vielleicht erfüllend, man könnte aber auch böse erwachen. Wie singt Hildegard Knef so schön? "Illusionen sind das, was uns am Leben hält."

Sagen wir mal so: Die Bank meines Opas wurde am Ende geschluckt. Und die Illusion eines sicheren Lebens ging stark auf Kosten der eigenen Freiheit. Was einen irgendwie wieder zurück zum Thema Hochzeit führt.

Da fällt mir ein, die Flirttipps meiner Oma waren beim Finden eines Mannes nicht besonders hilfreich: "Mädchen im heiratsfähigen Alter müssen tanzen können." bläute sie mir und meiner Cousine immer wieder ein.
Aber heute geht man eben weniger tanzen, als dass man sich den Kick in radikalen Gruppen holt, ob nun mit religiöser Garnitur oder ohne. Ein nacktes Frauenbein zumindest ist kein Skandal mehr – und jede Vorstellung von "Sicherheit" eine ebenso relative Angelegenheit wie die Anstößigkeit beliebiger Körperteile. Auf also zum nächsten Vulkan, so lange sich der Weg noch findet. In diesem Sinne: Alles Walzer!

(Dieser Text ist im Option Magazin erschienen)

CITIx60 Vienna – viction:ary (Dezember 2015, S.68+74)

Ich freue mich – mit einem meiner liebsten Orte in Wien – Teil des neu erschienen Stadtführers CITIx60: Vienna von viction:ary zu sein.

"With a rich mix of cool cafés and museums and the afterglow of its reign as a proud centre of classical music, Vienna boasts a buzzy cultural life. Whether it’s a one-day stopover or a longer trip, CITIx60 Vienna is your inspirational guide to places that only insiders of the Austrian capital know and go. Initiated and edited by viction:ary, the pocket-sized guide sports an artistic edge with a city map jacket drawn by Victoria Borges as well as practical info essential for a satisfying trip.

A unique collaboration with local creatives from selected cities, each CITIx60 City Guide points you to 60 hangouts loved by 60 stars of the cities’ creative scene, covering architecture, art spaces, shops and markets, eating and entertainment. All featured artists and designers are at the cutting edge of what’s on and when, and known for their accomplishments from film making and culinary innovations to advertising and design."

Herausgeber / Verlag: Viction:ary, Hong Kong / Gingko Press





"Das Projekt" – feinerblog.com (Februar 2016)

Die nächste Bloggerin in unserer Reihe ist die unverwechselbare Mira Kolenc. Mira lebte viele Jahre in Wien, mittlerweile hat es sie nach Berlin gezogen. Sie fällt durch ihren besonderen Modestil auf, der die Eleganz und den Flair vergangener Dekaden aufgreift und den sie mit Liebe zum Detail und zur Linie weiterentwickelt. Doch auch wenn ihr Äußeres auffällt (und manche sie leider noch immer für ein Double von wem auch immer halten) – diese Frau ist ganz und gar nicht auf den Kopf gefallen. Mit Witz und Charme schreibt sie wunderbar lesenswerte Kolumnen. 
Vielen Dank liebe Mira für die Beantwortung unserer Fragen! Alles Gute für Deine Zukunft und ich hoffe, wir dass wir Dich irgendwann persönlich kennenlernen dürfen.  
 
1) Du hast einmal gesagt, dass du Kolumnistin und Model bist und irgendwas mit Marketing machst. Wie sieht es heute aus?
Ich habe schon immer viele unterschiedliche Dinge gemacht, die mehr oder weniger lukrativ sind. Schreiben, in welcher Form auch immer, bildet sich langsam als Schwerpunkt heraus. Aber ich bin noch lange nicht dort, wo ich sein möchte. Ich arbeite daran.
   
2) Momentan lebst du mehr in Berlin als in Wien, wie wird dein weiteres Leben in dieser Wien-Berlin Beziehung aussehen?
Nach acht Jahren Wien und einer intensiven Auseinandersetzung mit Stadt und Leuten hatte ich das Bedürfnis nach Veränderung. Berlin ist in diesem Fall ein guter Kontrast, denn diese Stadt ist weder lieblich noch gefällig. Erst einmal werde ich mir jetzt Berlin genauer ansehen und alles Weitere wird sich dann ergeben.  

3) Ich liebe deine Kolumnen und bin diejenige, die laut auflacht, weil sie wieder mal eine deiner stilvoll genialen Formulierungen unbedingt dem Gegenüber laut vorlesen muss. Was hat sich für dich geändert, seit du seit 2014 regelmäßig Kolumnen für das Option Magazin schreibst?
Es gibt, glaube ich, immer einen Unterschied zwischen Auftragstexten und Texten, die man verfasst, weil man den Drang hat, sie zu schreiben. In Letzteren ist man immer freier, weil es keinerlei Vorgaben gibt. Aber ich empfinde beides als einen guten Ausgleich zum jeweils anderen.
 
4) Wie geht es mit der schreibenden Mira weiter?
Es gibt einige Ideen, die in der Schublage liegen und auf Ihre Umsetzung warten.   

5) Du bist ja meist (oder sogar immer?) in deinem speziellen Stil unterwegs – erkennbar als die unvergleichliche Mira Kolenc. Sozusagen bist du dann ja immer im Dienst – oder siehst du das anders?
Diese Frage bekomme ich ja häufiger gestellt, aber es ist ganz einfach: würde ich es nicht aus einem inneren Bedürfnis heraus tun, hätte ich sicher irgendwann zur praktischen Jeans gegriffen. Es ist eine Haltung dem Leben gegenüber, ein Dienst an mir, wenn überhaupt, aber nicht an anderen.   

6) Du sagst, dass du deinen Stil seit 14 Jahren so lebst. Gab es damals einen ausschlaggebenden Punkt/Erlebnis, oder wie bist du auf diese Idee gekommen?
Mich hat es schon immer mit tiefer Freude erfüllt, wenn man sieht, dass etwas detailreich und liebevoll gestaltet wurde. Wenn der Geist fehlt, kann einen ein Ding auch nicht beseelen. Insofern lag es nahe, sich in vergangenen Jahrzehnten umzusehen. Und vor 14 Jahren konnte man in Second Hand-Länden noch wesentlich billiger schöne Stücke erstehen und vor allem gab es auch noch viel mehr davon. Es waren nahezu paradiesische Zeiten. Leider muss man heute lange danach suchen. Im Grunde findet man die besonderen Sachen nur noch im Internet und nicht mehr in den Läden – zumindest nicht, wenn sich diese in Großstädten befinden.
Am Anfang habe ich mir nur alte Mäntel und Taschen gekauft und habe diese noch zu Jeans und Pullover getragen. Nach und nach und durch viel Herumexperimentieren hat sich dann mein heutiger Stil entwickelt.   

7) Als gebürtige Bayerin, müsstest du doch stark mit deiner Heimat verwurzelt sein. Kommst du aus einem traditionellen Elternhaus, bzw wie sind die Reaktionen deiner Familie auf dein Leben?
Natürlich prägt es einen, in welcher Umgebung man aufgewachsen ist. Bayern ist mir vertraut, dort habe ich meine Kindheit und Jugend verbracht. Die letzten Jahre, bevor ich nach Wien gezogen bin, habe ich mit meiner Familie in München gelebt. Und ich komme immer wieder gerne dorthin zurück. Aber ich kann mit dem Begriff „verwurzelt“ wenig anfangen. Verwurzelt sein heißt doch, dass man im Grunde nicht wo anders hin kann, weil einen die Wurzeln an einen Ort gefesselt halten.
Was meine Eltern angeht, habe ich sehr großes Glück, denn sie sind vor allem eines: neugierig auf ihre Kinder und das, was diese umtreibt.   

8) Siehst du dich als Künstlerin, inwiefern?
Der Begriff Künstler bzw. Künstlerin ist ja bekanntlich ein weites Feld. Ich persönlich aber stecke ihn mir nicht ans Revers.   

9) Was ist dir in deinem Leben wichtig?
Selbstbestimmung.  

10) Welches Projekt wäre dein größter Traum, was möchtest du in deinem Leben unbedingt noch erreichen?
Zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein.
  
 
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Urschrei: Liebe ohne Klotür

Daniela Katzenberger, bekannt und beliebt dafür, das auszusprechen, was für andere in die Kategorie "too much information" fällt, teilte erst kürzlich der Öffentlichkeit mit, dass ihre Wohnung aus Platzgründen klotürenlos sei. Was ihren mittlerweile Verlobten und Kindsvater zunächst irritierte. Aber das Paar überwand die Scheu und freut sich nun darüber, dass es nichts mehr gibt, wofür man sich schämen müsse. Da bekommt der berühmte Satz aus Ingeborg Bachmanns Dankesrede bei der Entgegennahme des Hörspielpreises der Kriegsblinden 1959 – "Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar" – noch einmal eine ganz andere Dimension. Ich höre im Hintergrund schon Rainer Langhans applaudieren!
Wobei, der Süddeutschen Zeitung sagte dieser kürzlich in einem Interview zu seinem 75. Geburtstag, dass alles so toll gar nicht war. Was so locker wirkte, war am Ende doch sehr verkrampft und heute leben alle wieder in eigenen Wohnungen mit eingehängten Türen. Wie auch immer, ich finde, man kann durchaus so weit gehen und das Projekt "Weg mit der Klotüre" für gescheitert erklären.

Viele verwechseln einfach gerne Vertrautheit mit Vertrauen. Nein, das ist nicht dasselbe. Mit all den kleinen Geheimnissen, die jeder so hat und die in einer Beziehung nach und nach aufgedeckt werden, muss nicht auch das Geheimnisvolle weichen. Sprich: wir wissen, dass der Partner sich regelmäßig die Fußnägel schneidet, nur ist es ein Unterschied, ob wir dabei auch zusehen.
Das, was Langhans als spießbürgerlich abtat, nämlich dass jeder seine eigne Intimsphäre besitzt, die er auch bewahren möchte, ist kein Ausdruck von Misstrauen. Wer mitteilen möchte, dass er keine Geheimnisse vor dem anderen hat, sollte dafür nicht den Weg über die Toilette wählen. Wir wissen, dass das Gegenüber ein Mensch ist und sind über die ganzen Vorgängen bestens informiert, zumal wir sie von uns selbst kennen. Nein, eine Beziehung braucht nicht diese Form der Grenzenlosigkeit um als vollkommen zu gelten.

Da fällt mir auf: einer der größten Unterschiede zwischen Deutschland und Österreich ist ja in Wahrheit die Bad-Toiletten-Frage. Vergessen Sie die Sprache, die Mentalität und den Kaffee. Nein, an der Bad-Toiletten-Frage scheiden sich die Geister. In Deutschland sind beide Räume vereint, in dem Fäkalhumor zugewandten Österreich zumeist separiert. Ich weiß auch nicht wie es in Deutschland zu dieser Idee der Zusammenlegung kam, aber irgendwer hätte da einmal einen Riegel vorschieben müssen. Wahnsinnig unpraktisch, benutzerunfreundlich und nur weil es in beiden Räumen Kacheln gibt, heißt das noch nicht, dass sie auch vereint gehören.

Wir halten also fest das Bad ist der intimste Raum in einer Wohnung. Und das Schlafzimmer? Ach, das Schlafzimmer klingt nur für außenstehende Ohren besonders intim. Im selben Bett zu schlafen bedarf zwar Vertrauen, immerhin ist man als Schlafender ja in gewisser Weise schutzlos, aber diese Form der Intimität ist doch eine, die man gerne teilt. Meistens zumindest.
Was aber im Bad passiert, sollte auch im Bad bleiben. Immerhin war man zu Anfang ja auch darauf bedacht, dem anderen noch die Illusion zu lassen, dass man ein Mensch sei, der sich entgegen aller Naturgesetze nie die Fußnägel schneiden muss. Wieso kann die Wahrheit, die ohnehin kein Geheimnis ist, also nicht bis ans Ende aller Tage etwas bleiben, was ein jeder mit sich selbst im Privée (es trägt ja nicht umsonst diesen Namen) ausmacht?
Weil es grenzenloser bequemer ist. Das ist eben wie mit der Kleidung, die wurde über die Jahrhunderte auch immer praktischer und gemütlicher. Und unbefangener wurde auch der Umgang miteinander. Wer zieht sich heute für das Abendessen zu Hause noch um? Umständlich? Definitiv! Doch die Formlosigkeit hat auch ihren Preis. Formlose Beziehungen schmecken irgendwann so schal.

Denken Sie an Charles Aznavours Lied "Du lässt dich geh'n"! Ziehen Sie also mal wieder öfter die schlabbrige Haushose aus oder lassen die Lockenwickler im Bad und geben Sie sich der Illusion hin, dass der andere eventuell einer der wenigen Menschen ist, für den die Naturgesetze nicht gelten. Oder nur ein bisschen.

Ah, und damit Sie sich diesbezüglich um Frau Katzenberger keine Sorgen machen müssen: inzwischen hat sie samt Verlobtem und dem gemeinsamen Baby ein Haus bezogen, das wieder Platz für Türen hat. Für alle Räume. Ich sagte ja, die klotürenfreie Ära ist einfach vorbei.

(Dieser Text ist im Option Magazin erschienen)

Der Charlotte Gainsbourg-Moment (Berlin, Oktober 2015)

Foto: Daniel Windheuser, www.paragraphien.de

Quelle: www.loeildelaphotographie.com, http://goo.gl/OIicbk